27.09.2007
Pro Sieben „Contra C02“ und deren Doppelmoral
(Kommentar) Eine neue Bewegung macht sich stark für das Klima: Contra CO2 von Pro Sieben. Der Privatsender zeigt, was jeder von uns tun kann, um seinen täglichen Energieverbrauch zu senken. Die Zeiten als Galileo-Moderatoren die Welt umrundet haben, sind vorbei. Der Moderator erklärt jetzt wie ein Autofahrer Sprit sparen kann und dann? Dann sprengt Galileo das Auto in die Luft. Denn die Show muss weitergehen und die Zuschauer müssen erfahren, ob man ein Auto mit vollem Tank wirklich durch Gewehrschüsse zur Explosion bringen kann.
Galileo scheint ein fernes Gespür dafür zu haben wonach sich die Menschen in Deutschland sehnen, nämlich danach das Klima zu schützen. Hätte Galileo einfach so weiter experimentieren und dabei die Umwelt vergessen sollen? So ist Pro Sieben eben nicht. Das ist nicht ihr Verständnis von Entertainment. Nur für das Protokoll: Galileo gibt seinen Zuschauern reichlich Tipps, um den Kohlendioxidausstoß zu verringern und damit aktiv zum Klimaschutz beitragen zu können. Das Wissensmagazin stellt etwa vor, wie der Junggeselle umweltfreundlich kochen kann. „Unsere Nahrungsmittel haben einen großen Anteil an der globalen Erderwärmung. Die Ernährung verursacht in Deutschland rund 20 Prozent der Treibhausgase. Etwa die Hälfte davon wird durch die Landwirtschaft produziert: Fleisch, Eier und Milchprodukte. Außerdem belasten Weiterverarbeitung, Transport und Kühlung von Lebensmitteln, Einkaufen, Kochen und Spülen die Umwelt“, schreibt Pro Sieben auf seiner Homepage in der Rubrik „Contra CO2“.
Vielen Dank auch. Das war’s dann. Kein argentinisches Rindsteak mehr, null Fleisch, Lebensmittel aus der Region und am besten nur Ökoware. Sagt wer? Pro Sieben. Der Sender, der findet, dass wir alle zuviel Autofahren, nicht umweltfreundlich essen und der glaubt, dass seine Zuschauer dafür verantwortlich sind, dass Galileo schon das Wasser bis zum Halse steht. Solange Sonja Kraus dabei ein weißes Shirt trägt, scheint das alles gut zu sein. Bullshit. Die CO2 Aktion ist ein Schlag ins Gesicht aller Zuschauer. Nehmen wir mal an Herr Galileo und Daniel Animati hätten Recht und es gäbe den besagten Zusammenhang zwischen Treibhauseffekt und Menschen. Sollte dann gerade ein Magazin den Zeigefinger heben, das einfach mal so zum Spaß in 80 Stunden eine Weltumrundung macht? Oder das über aufgemotzte Traktoren berichtet und im Namen der Wissenschaft Autos in die Luft sprengt?
Offenbar sind Verbraucher an allem Schuld: Wir essen, arbeiten, fahren mit dem Auto zur Arbeit, zum Einkaufen. Um es einfacher zu sagen: Wir leben. Und dann im Supermarkt kaufen wir uns Mangos aus Südamerika, Entenfleisch aus Frankreich und Bananen aus Afrika. Die Konsumenten bestimmen das Angebot. Würden wir eine Barbie kaufen, wenn sie in Deutschland produziert werden würde und nicht in China? Auf keinen Fall. Immerhin wäre dann alles teurer, Firmen könnten nicht so günstig produzieren. Doch womöglich würde der Konsument für eine Puppe ohne Bleifarbe mehr Geld ausgeben wollen.
Zurück zum Essen: Nach dem Einkaufen kochen wir unser Abendessen und zerstören damit unser Klima endgültig. Und dann? Danach setzen wir uns vor den Fernseher und schauen mit schlechtem Gewissen Galileo, um zu verstehen wie wir es richtig machen könnten. Ob Fernsehen wohl auch klimafeindlich ist? Die Scheinwerfer, die auf den Moderator gerichtet sind, könnten womöglich Strom verbrauchen. Die Experimente sind auch nicht immer klimafreundlich, man bedenke brennende Autos. Ob es klimafreundlich ist für Galileo Mistery durch die Weltgeschichte zu fliegen, um das Grab von Jesus zu finden?
Immerhin, Galileo will dazu beitragen das Klima zu retten und das ist gut so. Denn einige Tipps helfen nicht nur der Umwelt, sondern auch der Gesundheit und sind wertvoll für die eigene Brieftasche. Erntezeiten für Obst und Gemüse zu wissen, ist etwa ein großer Vorteil. Dadurch können wir gesünder essen und viel CO2 sparen. Da liegt Galileo goldrichtig: „Entweder mit dem Schiff oder dem Flugzeug importiert, in Kühlhäusern gelagert oder in beheizten Treibhäusern künstlich gezüchtet. Alle drei Methoden schaden nicht nur Frische, Vitaminen und Mineralien, sondern verursachen auch erhebliche Mengen CO2“, schreibt das Wissensmagazin auf seiner Internetseite weiter.
Doch die Doppelmoral folgt ganze drei Sekunden später: Wie reist man eigentlich am CO2-ärmsten und billigsten durch Deutschland? Galileo hat den Test gemacht. Die große CO2 Rallye, quer durch Deutschland in nur einem Tag. Die Herausforderung: Möglichst geringer CO2 Verbrauch, möglichst geringe Kosten und ein Zeitlimit von einem Tag. Und der Klimaschutz? Würde sich Galileo ihre Experimente sparen, könnten sie einen wirklichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Genau: Ohne Galileo wäre der Umwelt am meisten geholfen. Vor allem dann, wenn die guten Tipps vom Zuschauer ignoriert werden. Doppelmoral löst eben einen Umschaltreflex aus.
Es gibt namhafte Wissenschaftler und Nobelpreisträger, die das Problem globaler Erwärmung ganz anders sehen als Pro Sieben. Viele halten die Bekämpfung von Aids, Hunger, Malaria auf der globalen Prioritätenliste für wesentlich wichtiger als die Verringerung des CO2-Ausstoßes.