12.10.2007

Afrika: Kriegskosten fressen Gelder der Entwicklungshilfe auf

Afrika: Kriegskosten fressen Gelder der Entwicklungshilfe aufEiner britischen Studie zufolge zerstören Kriege und Konflikte afrikanische Länder. Zwischen 1990 und 2005 haben blutige Konflikte Afrika rund 284 Milliarden US-Dollar gekostet, so viel, wie der Kontinent Entwicklungshilfe erhielt. (Kommentar)






Kriege und Konflikte in Afrika vernichten etwa soviel Geld, wie an die Länder des Kontinents an Entwicklungshilfe fließt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie. Die Kosten für die Volkswirtschaften Afrikas lagen dem zufolge zwischen 1990 und 2005 bei rund 284 Milliarden Dollar. Einen ähnlichen Betrag hat Afrika im gleichen Zeitraum als Entwicklungshilfe erhalten. Initiatoren der Studie sind Oxfam, das Internationale Aktionsnetz zu Kleinwaffen (Iansa) und die Rüstungskontrollorganisation Saferworld.

Mehr als 50 Jahre lang leisten die Industriestaaten jetzt schon Entwicklungshilfe; 2,3 Billionen Dollar haben sie seitdem an die ärmsten Länder verteilt. Es gibt Experten, die geraten in Rage wenn sie das Wort Entwicklungshilfe hören. Sie habe Afrika abhängig von Almosen gemacht und jede Eigeninitiative gelähmt. Entwicklungsökonomen sagen, die Entwicklungshilfe sei bisher eine „Tragödie“ gewesen, sie habe Afrika geschadet. Afrikas Führer kümmerten sich weiter um ihre Macht, als um Wirtschaftswachstum. Anhänger der afropessimistischen Strömung ziehen schnell die Schlussfolgerung, dass afrikanische Regierungen alleine nicht fähig seien, für Ordnung zu sorgen.

Afrika leide enorm unter Konflikten und Gewalt, schreibt Ellen Johnson-Sirleaf im Vorwort der Studie. "Sie verursachen nicht nur menschliche Tragödien, sondern kosten Afrika rund 18 Milliarden Dollar jährlich", stellt die Präsidentin Liberias fest. Johnson-Sirleaf weist darauf hin, dass die Gewalt stark durch Waffenimporte angeheizt wird. "Die am häufigsten in afrikanischen Konflikten benutzten Waffen sind Kalaschnikow Sturmgewehre", so die 69-Jährige, "und die Mehrzahl dieser Waffen und der Munition – vielleicht 95 Prozent – kommen von außerhalb Afrikas."

Ellen Johson Sirleaf hat die volle Verwüstung des liberianischen Bürgerkrieges erlebt, der eine viertel Million Menschenleben forderte. Hunderttausende flohen aus dem Land, andere retteten sich in den Bush in ständiger Angst vor den Milizen. „Unsere Kinder starben an Malaria oder Unterernährung. Unsere Jungen waren Kindersoldaten und töteten. Die Mädchen glaubten vor dem Bürgerkrieg, dass sie alles erreichen könnten. Im Krieg wurden sie zu Sex-Sklaven, vergewaltigt von Soldaten, bedroht von deren Waffen und brachten Kinder zur Welt, als sie noch selbst Kinder waren“, erinnert sich die jetzige Präsidentin von Liberia an die Zeit des Bürgerkrieges

"Der Preis, den Afrika (für diese Kriege) zahlt, könnte die Kosten zur Lösung der HIV/Aids-Krise abdecken oder Bildung, Wasserversorgung und die Verhinderung und Behandlung von Tuberkulose und Malaria finanzieren", sagt Sirleaf. Grundlage der Studie sind Daten aus 23 afrikanischen Ländern. Berücksichtigt wurden sowohl direkte Kosten wie Rüstungsausgaben und zerstörte Infrastruktur, als auch Folgekosten (Anstieg von Inflation und Verschuldung, wachsende Arbeitslosigkeit, erhöhte Sterblichkeit). Im Durchschnitt sei die Wirtschaft in den untersuchten Ländern um 15 Prozent geschrumpft, so das Ergebnis.

Die Entwicklungshilfe nutzlos? Zahlen der FAO, der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen zeigen das Gegenteil. Seit 1970 verringert sich die Zahl der hungernden Menschen in ganz Afrika stetig. Sucht man nach den Ursachen der afrikanischen Misere, stößt man auf unterschiedliche Antworten. Die einen führen die Weltwirtschaft an, die Afrika außen vor lässt. Andere betonen strukturelle Faktoren wie Klima, Kolonialismus oder Armut. Die meisten glauben aber, die schlechte politische Führung trägt die Schuld.

Es ist schwer einen Ausweg aus der Armutsfalle zu finden. Selbst Staaten, die gute wirtschaftliche Voraussetzungen dazu hätten, ist dies nicht gelungen. Nigeria etwa, ein an natürlichen Ressourcen gesegneter Staat, doch die Gier des Militärs nach Rohstoffen ließ das Volk verarmen. Mit dem Erdölboom hat die Regierung Nigerias viele andere Bereiche wie Landwirtschaft vernachlässigt. Die Universitäten und Schulen verkamen, als der erste Boom vorbei war. Die Rohstoffe Afrikas waren nicht nur für die Kolonialherren verlockend, Afrika selbst verfiel ihnen. Ist das der Fluch der Rohstoffe? Der sambische Ex-Präsident Kenneth Kaunda gibt eine verblüffend ehrliche Antwort: „Es ist ein Fluch: Gier, Neid und Kriege zerfressen den Kontinent.“

In Afrika wird der Kolonialismus schon lange nicht mehr als Grund allen Übels begriffen. Doch der Westen ist von der Schuld an der Entwicklung Afrikas gebeutelt und scheint nicht nur aus Mitgefühl in Afrika Buße tun zu wollen. Der Kolonialismus scheint vergessen, die Grenzen, die er auf dem Kontinent gezogen hat und dessen Konflikte er mitbegründet hat - sonst würde niemand fordern die Geldtransfers an Afrika zu stoppen. Sollten wir wirklich gleich die gesamte Entwicklungshilfe in Frage stellen, weil der Westen nicht fähig war, zu kontrollieren, wo die Gelder eingesetzt werden? Sonst könnten es die Industriestaaten doch gleich bleiben lassen.

Die Erfahrung spricht dafür, dass Reformgeist und Eigeninitiative mehr bewegen als Geldtransfers. Afrika will das Eingeständnis der Welt, dass sie selbst mittels fairer Partnerschaften mit anderen Mitgliedern der Weltgemeinschaft zu noch nie da gewesenem Wachstum fähig sind. Kreativität, Ideen, den Willen, Afrika verändern zu wollen, Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität, Demokratie und ehrliche Führer - das braucht Afrika. Kann das der Westen mit Geldtransfers leisten? Das Geld der Industriestaaten ist nur dann sinnvoll, wenn es die Ärmsten der Armen erreicht und nicht die korrupten Regierungen. Und gegen die korrupten Regierungen kann nur Afrika vorgehen, wenn sich das denken "Schwarzafrikas" ändert.

Und selbst dann versteht der Westen noch immer vieles nicht: Afrika ist so gegensätzlich, so groß. Es ist nicht nur ein schwarzes Loch der Seuchen und des Todes, denn es gibt auch Business-Eldorados auf dem Kontinent. Es gibt Länder, die funktionieren. Afrika besteht nicht nur aus korrupten Regierungen, Kriegsherren, "Stammeskonflikten", Kinderarbeit und Frauen, die von Missbrauch und Beschneidung entstellt sind. Der Westen kann keinen Kontinent retten, das zeigt die Studie sehr gut - auch wenn die Industrienationen das glauben wollen.

Derzeit laufen Beratungen des Abrüstungsausschusses der UN-Generalversammlung zu dem geplanten Arms Trade Treaty (ATT). Einem Vertrag, der Konfliktparteien der Zugang zu Waffen und Munition erheblich erschweren soll. Der Westen behandelt die Symptome, aber nicht die Ursachen. Schwarzafrika hat keine Religionsstifter wie Jesus oder Buddha hervorgebracht. Auch keinen Homer, Dante oder Schiller. Afrika habe keine Geschichte, seine Gesellschaften seien unfähig zur Entwicklung – davon war der Westen überzeugt. Ein Bild das in den Köpfen, in den Erben des Kolonialismus noch immer schlummert? Für die weiße Welt bleibt Afrika immer noch das Herz der Finsternis, nur die Kolonialmächte – glaubte man damals- könnten den Kontinent vor sich selbst retten.

Quelle/Infomationen und Zahlen der Studie: Welt-Online




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