27.02.2008
Mauritius: „Schöner als der Himmel“
Ruhig ziehen die Delphine ihre Bahnen in den türkisblauen Buchten und im seichten, warmen Meer. Ihre anmutigen, sanften Sprünge hallen über das Wasser. Wenn das Riff vor den Küsten die meterhohen Wellen bricht, legt sich eine respektvolle Stille auf die Lagunen, auf die Strände – ruhiges Idyll Mauritius. Auf den Segelbooten schlägt dann die feuchte, volle Hitze Afrikas und des indischen Ozeans ins Gesicht der Fremdlinge aus aller Welt. An Land steigt ein süßer, exotischer Duft auf: Vanille, Moschus, Hibiskus und der Duft der Harmonie.
„Zuerst wurde Mauritius geschaffen und dann erst das Paradies“, schwärmte der amerikanische Schriftsteller Mark Twain. So exotisch. Und schön bunt. Unter Sonnenschirmen aus Palmwedeln dösen Pärchen am Strand, eine indische Familie picknickt ganz in der Nähe. Ein Fischer steigt gleichzeitig in sein kleines, kunterbuntes Motorboot – auch seine Vorfahren kommen aus Indien und obwohl Raji Hindu ist, trägt er stolz ein Kreuz als Tätowierung auf seinem Oberarm. Sein Skipper ist Christ und obwohl sein Großvater aus Ostafrika stammt, ist seine Haut nicht ganz so dunkel, sein Tonfall nicht ganz so singend. Nur das breite Grinsen ist dasselbe. Am liebsten sitzen die beiden im Schatten, damit sie ihre Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 in ihren knallgelben oder regenbogen-farbigen Hosen stecken lassen können. Die Flagge der Republik steht für die Volksgruppen und Religionen: Rot für Hindus, Blau für Christen, Gelb für Chinesen und Grün für Muslime. Trotzdem riecht es nicht nach Ärger.
Schnell wandern seine Augen hin und her, immer wieder blickt er sich um. Nach links und rechts, er ist stets in Hektik. Untypisch für die Inselbewohner. Raji arbeitet, fischt auf seinem kunterbunten Boot zusammen mit den Touristen und bringt die Ruhe suchenden Besucher auf seinem Schiff in einsame Buchten. Sein Lebenselixier ist Kaffee, er liebt den Klang des Löffels, der ihn umrührt und er liebt seinen Duft. Bevor er daran nippt, atmet er den schwarzen Kaffee tief in seine Lungen ein, schnuppert daran, lässt seine Nase über die weiße Tasse tanzen. Pure Harmonie blitzt aus den Gesichtern der Menschen, wenn sie ihre Nasen über die Vanilleschoten schweifen lassen, die auf der Insel wachsen. Nach Vanille riechen die Handtücher und nach Vanille schmeckt das Essen. Süß. Und Exotisch. Und der Duft der Welt? Die Insel verlassen und auf nach Europa? Das sei ihm zu fremd und zu kalt. „Ich weiß, dass ich an einem der schönsten Flecken der Welt lebe. Es ist schöner als der Himmel“.
Duftkerzen aus exotischen Früchten wie Papaya oder Passionsfrucht versehen die hektischen Einkaufszentren der Hauptstadt Port Louis mit ein wenig Harmonie – ganz nach dem Geschmack der Bewohner von Mauritius. Die Hektik bringen die fernen Besucher mit aus Europa, aus Asien und aus Amerika. Duftessenzen aus Hibiskus, Moschus und wieder und wieder Vanille stecken in kleinen, braunen Fläschchen in den Duftläden der Insel. Das nehmen die Besucher mit nach Europa, Asien und Amerika. Im Hotelzimmer riecht es nach Weihrauch. Das Einzige, das die Inselbewohner nicht in kleine Duftfläschchen stecken können, ist die kühle und salzige Brise des Meeres. Sie versüßt nur den Urlaub.
Gleichzeitig blitzt hier blauer Himmel, drohen dort tiefschwarze Wolken und prangt über uns ein fetter Regenbogen. Satt leuchtend wächst er aus der himmelblauen Lagune, überspannt den weißen Strand und die grünen Felder voller Zuckerrohr. Meist ist das Meer so sanft, dass die Segelboote auf Federn gebettet über das sanfte, glatte Wasser gleiten. Manchmal ist das Meer so rau und wild, die Wellen so hoch, dass Raji vom Strand aus besorgt zum Horizont hinaus blickt und sein Motorboot schon längst an Land gebracht hat. Wie ein wütender, fauchender Geysir schießt das Wasser dann meterhoch über das Riff hinaus, der Wind tobt und die Frösche quaken hysterisch. Raji steckt seine Nase in Richtung Meer, als könne er die Gefahr riechen, die von der Gewalt des Meeres ausgeht.
Endlose, weiße Sandstrände trennen Mauritius vom Indischen Ozean. Zwölf Flugstunden und tausende von Kilometern liegen zwischen Europa und der Insel. Für Raji ist das mehr als nur eine Weltreise, sein Horizont bestimmt die Insel auf der er und ungefähr 1,2 Millionen Menschen leben. „80 Millionen Menschen gibt es in Deutschland“, wiederholt der Hobby-Angler in einem fragenden Tonfall. Dass in Indien noch mehr Menschen leben, kann er kaum glauben. Obwohl seine Großeltern aus Indien stammen und als Sklaven nach Mauritius gebracht wurden, weiß er wenig über Indien. Ureinwohner gab es in Mauritius nicht, Frankreich und England brachten afrikanische und indische Sklaven auf ihre Kolonie. Nur einmal hat Raji bislang Mauritius verlassen, um einen Freund auf der Nachbarinsel La Réunion zu besuchen. Doch nach wenigen Tagen zog es ihn zurück in seine Heimat, da sein Bekannter in den kühlen Bergen von La Réunion lebte. 18 Grad Außentemperatur könne er einfach nicht ertragen: „Ich wollte nur noch weg“.
Wenn der Vanille-Duft in den Räumen der schicken Hotels und der edlen, teuren Villen von Mauritius einmal versiegt, riecht die Luft modrig. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt den Putz von den Wänden bröckeln, tiefe Risse ziehen sich durch das dunkle Holz entlang der Terrassen. Doch wer genauer hin-schnuppert riecht den frischen Blumenduft, der von den Orchideen kommt. Im botanischen Garten namens Pampelmousse treffen die feinen Nasen wieder auf ihren Duft: Orchideen, fast alle existierenden Palmenarten und vor allem Victoria regia, eine gigantische Seerosenart, die eigentlich im Amazonas heimisch ist. Wie schwerelos schweben die gewaltigen Blätter, denen man nachsagt, dass sie das Gewicht eines Kleinkinds tragen können. Majestätisch wandeln die riesigen Landschildkröten durch die exotische Pflanzenwelt. Touristen lassen sich von Fototeams auf ihnen ablichten und setzen sich dabei auf den Panzer einer hundert-jährigen Schildkröte, die leicht unter dem Gewicht der Fremdlinge zusammenknackst und stöhnt.
Wenn die Sonne im indischen Ozean versinkt, ziehen die Delfine von der seichten Bucht in das weite Meer hinaus. Jeden Morgen mit der Sonne kommen sie wieder zurück, ganz nah an die Küsten und Lagunen von Mauritius.
von Dorothea Alber