23.04.2008

Nahrungskrise: Die Hungerrevolte der Armen

Nahrungskrise: Die Hungerrevolte der ArmenDie Lebensmittelpreise explodieren weltweit, auch in Deutschland müssen die Bürger deutlich mehr für ihr täglich Brot ausgeben. Was hierzulande nur schmerzt, entwickelt sich in der Dritten Welt zu einer Katastrophe. Mehr als 100 Millionen Menschen drohen ins Elend abzurutschen. Dabei ist das, was jetzt viele Länder der Erde erschüttert, kein plötzlicher Schicksalsschlag.






Die Welt befindet sich in einer Nahrungsmittel-Krise: Innerhalb eines Jahres sind die Lebensmittelpreise weltweit um 40 Prozent gestiegen. Grob geschätzt drohten rund 100 Millionen Menschen in den unterentwickelten Staaten ins "Elend" abzurutschen, sagte Weltbank-Direktor Robert Zoellick. 33 Länder könnten wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise von sozialem Chaos und politischen Unruhen heimgesucht werden, erklärte die Weltbank. Es geht aber nicht mehr nur um Haiti, Äthiopien, Bangladesh oder die Sahel-Zone. Hunger ist in einer globalisierten Welt zu einer globalisierten Bedrohung geworden. Bilder aus Ägypten, Kamerun, Mexiko oder Indonesien zeigen, dass die Warnung der UN keineswegs übertrieben ist. Das Welternährungsprogramm (WFP) hatte die Folgen der steigenden Preise für Nahrungsmittel mit einem "humanitären Tsunami" verglichen.

Dabei ist das, was jetzt viele Länder der Erde erschüttert, kein plötzlicher Schicksalsschlag. Es ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Jahrelang sind zwar vollmundige Versprechen der reichen Länder gemacht worden, die Entwicklungshilfe wenigsten auf 0,7 Prozent des jeweiligen Bruttosozialproduktes anzuheben, geschehen aber ist nichts. Im Gegenteil: Viele Länder haben ihre Leistungen sogar noch gekürzt. Gleichzeitig sind über die Welthandelsabkommen die Regeln so verändert worden, dass viele Produkte aus Entwicklungsländern so gut wie keine Chance auf dem Weltmarkt haben. Und so muss derzeit der Agrosprit als Sündenbock herhalten, ein problematisches Produkt, mit dem aber Entwicklungsländer gutes Geld verdienen können.

Teller oder Tank? lauten die Schlagzeilen. Doch greift diese Ursachenbehauptung nicht viel zu kurz? Beispiel Somalia: Im Schattenland Somalia laufen die „Geister“ Amok: Eine grausame Gewalt nistet in der Stadt Mogadischu, lauernd und vibrierend. Und an den zerschossenen und bis auf den Beton geplünderten Bauten lässt sich die Wut erkennen, mit der sie zerstört wurden. Es sind die Skelette und die Ruinen einstiger Prachtbauten, die verkommen in den blauen Himmel Somalias ragen. Neue Kämpfe und die langanhaltende Dürre führten zu Wassernot und Nahrungsmangel in mehreren Regionen. Somalia hat versagt, Hunger gibt es dort nicht erst seit der Herstellung von Biodiesel.

Ein ganzes Bündel von Gründen lässt sich identifizieren: Missernten bedingt durch die Klimaveränderung, Bevölkerungswachstum, eine extrem gestiegene Fleischnachfrage, die Subventionspolitik des Westens und nicht zuletzt knallharte Rohstoffspekulanten, die auf steigende Lebensmittelpreise wetten. Dass die Herstellung von Bisprit aber nicht unschuldig daran ist, zeigt die Situation auf den Philippinen: Großgrundbesitzer bewirtschaften hier den Boden vor allem mit Zuckerrohr und anderen Export-Produkten. Zusätzliche Anreize für Biosprit-Produzenten befördern Mangel- und Unterernährung in den ärmsten Bevölkerungsschichten, weil sie die Preise für Reis weiter in die Höhe treiben würden.

Dr. Wolf Preuss, Entwicklungsexperte und Verwaltungsratsmitglied der Kindernothilfe, beobachtet die Situation zurzeit in Manila: "Die Verlierer der Handelsliberalisierungen der letzten 20 Jahre sind die Landlosen und verarmte Bevölkerungsschichten in den Städten. Sie können die Preissteigerungen beim Reis von über 30 Prozent in den letzten Wochen kaum aufbringen und ihre Familien ernähren. Ein Großteil der armen Bevölkerung ist unterernährt. "Dies ist das neue Gesicht des Hungers - Millionen Menschen, die vor sechs Monaten noch nicht unter akutem Hunger leiden mussten, müssen es jetzt", erklärte WFP-Direktorin Josette Sheeran. EU-Entwicklungskommissar Louis Michel warnte vor einem "humanitären Tsunami".

Fest steht: Entwickeln sich die Nahrungsmittelpreise in dieser Dynamik weiter, wird der ohnehin schon hohe Migrationsdruck auf die Industriestaaten durch Millionen von Hungerflüchtlingen noch steigen. Das sollte zwar nicht der einzige Grund für die Industriestaaten sein, etwas zu unternehmen. Aber die moralische Empörung über den weltweiten Hunger scheint noch nicht in der Politik angekommen zu sein. Doch nun müssen sie Gelder locker machen: Weltbank-Direktor Robert Zoellick warb bei den reichen Staaten dafür, bis zum 1. Mai 500 Millionen Dollar für Hilfsprogramme des Welternährungsprogramms (WFP) bereitzustellen.

Aber ist das der richtige Weg? Um den weltweit grassierenden Hunger wirksam zu bekämpfen, seien jährlich 20 bis 30 Milliarden Dollar für Ernährungshilfen und für Investitionen in die Landwirtschaft der Entwicklungsländer nötig. Das sagt der deutsche Agrarökonom Joachim von Braun, Direktor des International Food Policy Research Institute (IFPRI). Von Braun widerspricht damit der Auffassung, die gegenwärtige Situation sei Ausdruck einer vorübergehenden Krise, die sich mit Nothilfe lindern lasse.

"Es ist wichtig, dass die Welt die Bedeutung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelversorgung erkennt", erklärte WFP-Direktorin Josette Sheeran. Die Investitionen müssten hier ebenso hoch sein wie beispielsweise im Bereich Wissenschaft und Technologie. Es sei zudem wichtig, dass "diejenigen, die versuchen, die Kette der Armut zu durchbrechen, Zugang zu allen dafür relevanten Informationen haben".





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