29.04.2008
Inzest-Fall Amstetten: Nachbar und Bestie
ie "Bestie" wird dieser Mann genannt, und wir schauen in sein Gesicht. Studieren die Augen, den Mund, suchen nach Spuren für das Unvorstellbare und bleiben doch fassungslos. Wie kann es sein, dass dieser Mann seiner Familie so viel Leid angetan hat? Warum blieb das Böse so lange im Dunkeln? Aber auch, und das wohl vor allem: Welche Abgründe birgt die menschliche Natur?
Ein netter Mensch, sagen die Nachbarn. Hat immer freundlich gegrüßt. War hilfsbereit, packte mit an, wenn man ihn brauchte. Zählte sogar zu den Honoratioren der kleinen Stadt, gern gesehen am Stammtisch. Niemand ahnte etwas vom Doppelleben des Josef Fritzl. Das Verließ im Keller, die Torturen der Opfer, all das blieb ein Vierteljahrhundert unentdeckt. Welch Niedertracht war nötig, um das Verbrechen zu verbergen! Freunde, Nachbarn, die Behörden - alle wurden hinters Licht geführt, ahnten nichts vom Horror. Wir schauen in dieses Gesicht und finden keine Antwort. Zuweilen wohnt es wohl nebenan, das Böse, und grüßt uns höflich.
Amstetten ist ein idyllisches Städtchen, 120 Kilometer von Wien entfernt. In einer kleinen Wohngegend mit Einfamilienhäusern und hübschen Vorgärten steht das graue Mehrfamilienhaus, indem der freundliche Familienvater jahrelang ein perfektes Doppelleben geführt hat. Die 42-jährige Elisabeth F. - seine Tochter - muss durch die Hölle gegangen sein: Schon im Kindesalter wird sie von ihrem Vater missbraucht. Als Jugendliche will sie ihm dann entkommen und flieht deswegen aus dem Elternhaus in Amstetten. Als ihr Vater die junge Frau dann in den Keller lockt, betäubt er sie und sperrt sie in einen engen, dunklen Raum. 24 Jahre lang bleibt es ihr Gefängnis.
Mittlerweile ist ihr Vater Josef F. Rentner und 73 Jahre alt. 24 Jahre lang hielt er seine Tochter dort gefangen, missbrauchte sie und zeugte mit ihr sieben Kinder. Vor 24 Jahren hat der Familienvater eine raffinierte Erklärung für das Verschwinden seiner Tochter ausgetüftelt und verbreitet. Josef F. streute das Gerücht, seine Tochter habe sich einer Sekte angeschlossen. Sieben Kinder hat die Tochter in dieser Zeit bekommen. In dem Verlies im Keller hielt er also nicht nur seine Tochter Elisabeth, sondern drei weitere Kinder fristeten dort ihr trauriges Dasein: Die beiden Söhne Felix (5), Stefan (18) und das Mädchen Kerstin. Sie alle hatten noch nie im ihren Leben die Sonne gesehen.
Jofef F. hat alles dafür getan, um sein Doppelleben zu schützen: Als ein weiteres Kind von Elisabeth kurz nach der Geburt stirbt, verbrennt er den Leichnam im Heizkessel, wie er gestand. Seiner Frau, seinen Nachbarn und auch den Behörden erzählt er ein Ammenmärchen: Angeblich habe er im Laufe der Jahre drei Kinder der abgetauchten Tochter im Wohnhaus der Familie gefunden. Josef F. sagte, dass sie Elisabeth heimlich dort abgegeben hätte mit der Bitte, ihre Großeltern sollten sich um sie kümmern.
Seine Ehefrau hat offenbar aber niemals Verdacht geschöpft, sie wusste angeblich nichts vom Verlies und dem Missbrauch der Tochter. Im Keller hat sich Josef F. hinter einer Stahlbetontür das Versteck für seine Tochter geschaffen. Der Zugang war sogar mit einem elektronischen Schloss gesichert. Über einen 5 Meter langen Gang und ein Schlupfloch gelang der Peiniger in das Verlies mit Kochnische, Schlafecke und Bad. Wenn Josef F. auf seine Tochter oder Kinder wütend war, verfrachtete er sie in eine eigens dafür konstruierte Gummizelle.
Als das Mädchen Kerstin lebensgefährlich erkrankt, überredet Elisabeth F. ihren Peiniger, sie ins Amstettener Spital zu bringen. Erneut tischt der Mann Lügen auf: seine Tochter soll ihn darum gebeten haben, sich um Kerstin zu kümmern. Weil das kleine Mädchen aber so schwer krank, versetzten es die Ärzte in ein künstliches Koma und versuchten Informationen zum Krankheitsverlauf zu erhalten. Sie ließen ihre Mutter Elisabeth F. deshalb über die Polizei suchen. Die Fahnder griffen Josef F. schließlich in Krankenhausnähe auf – gemeinsam mit seiner Tochter Elisabeth.
Josef F. und seine Ehefrau führten ein unauffälliges und nach außen hin ein ganz normales Leben. Die drei Kinder seiner Tochter Elisabeth wurden von den "Großeltern" in die Schule gebracht, machen bei der Oma ihre Hausaufgaben und nahmen am Gemeindeleben in Amstetten teil. Niemand hatte bemerkt, dass Josef F. ein geheimes Doppelleben führt und keiner hatte je Verdacht geschöpft. Die österreichische Presse berichtete über Schock und Entsetzen, die die Aufdeckung der ungeheuerlichen Vorgänge im Land auslösten. Die Tageszeitung "Österreich" warf den Behörden "Blindheit" vor. Sie seien wie beim Fall Natascha Kampusch unfähig gewesen, die Gefangenschaft von Elisabeth F. früher aufzudecken. Es sei das "schlimmste Verbrechen aller Zeiten" in Österreich. Das Boulevard-Blatt "Kronen-Zeitung" bezeichnete Josef F. als "Bestie".
Der Familienvater aus Österreich habe mittlerweile ein umfassendes Geständnis abgelegt. «Er ist im Wesentlichen geständig, schwächt aber in Details ab», sagt Chefinspektor Leopold Etz vom Landeskriminalamt Niederösterreich.