04.05.2008

Der Absturz des Mister Siemens

Der Absturz des Mister SiemensFest steht: Die Schmiergeldaffäre bei Deutschlands Technologiekonzern Siemens kann Wirtschaftsgeschichte schreiben. Gute Geschäftszahlen, Rekorde bei Umsatz und Gewinn bestimmten bislang die Konzerngeschichte. Seit aber der Gewinn von Siemens immer weiter einbricht, entsteht also am Ende doch der Eindruck: Sämtliche Erfolge beruhen auf Korruption und Bestechung.






In der Korruptionsaffäre bei Siemens häufen sich nach Medienberichten die Vorwürfe gegen den langjährigen Konzernchef Heinrich von Pierer. Nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» (Wochenendausgabe) haben bei der Münchner Staatsanwaltschaft mittlerweile zwei Zeugen Pierer schwer belastet. Der frühere Vorstandschef soll demnach Angestellte des Konzerns zu Schmiergeldzahlungen aufgefordert haben. Ein dritter Zeuge soll dies bestätigt haben.

Anderthalb Jahre nach der Großrazzia bei Siemens ist die Affäre nun ganz oben angelangt: bei Heinrich von Pierer. Mittlerweile ist klar, dass der Skandal mehr ist als nur das schäbige Werk eines Managers. »System Siemens. Allein die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft inzwischen von 270 Beschuldigten spricht, zeigt Ausmaß und Brisanz der Affäre. Die Beteuerungen der Ex-Chefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld, nichts vom Schwarzgeld gewusst zu haben, waren deshalb schon immer schwer zu glauben. Immerhin handelt sich ja nicht um ein paar Millionen, die bilanztechnisch geschickt versteckt wurden, sondern um einen Milliardenbetrag.

Einstmals galt Heinrich von Pierer als der deutsche Vorzeigemanager. 13 Jahre lang leitete er die Geschicke des Technologiekonzerns Siemens. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte ihn zu ihrem wirtschaftspolitischen Chefberater. Der Betriebsrat des Erfurter Siemens-Standorts wählte ihn sogar zum Ehrenmitglied. Selbst als neuer Bundespräsident war Pierer 2004 kurz im Gespräch, bevor dann doch Horst Köhler gewählt wurde.

Heute werden wohl so manche froh darüber sein, dass Pierer nicht das deutsche Staatsoberhaupt ist. Die Ermittlungen um die weit verbreitete Korruption bei Siemens, die in seiner Zeit als Vorstandschef um sich griff, hätten das Amt des Bundespräsidenten beschädigen und die Bundesrepublik in eine Staatskrise stürzen können. Nun ist «nur» Siemens betroffen, der Weltkonzern mit seinen rund 400 000 Mitarbeitern, dessen größter Standort Pierers Heimatstadt Erlangen ist.

38 Jahre lang war Pierer ein Siemensianer. Der promovierte Jurist begann 1969 direkt nach dem Studium in der Rechtsabteilung und arbeitete sich schließlich bis 1989 in den Unternehmensvorstand vor. Parallel dazu saß Pierer von 1972 bis 1990 für die CSU im Erlanger Stadtrat. 1992 begann seine Zeit als «Mister Siemens», wie Pierer gerne bezeichnet wurde. Er rückte an die Konzernspitze vor.

In der Anfangszeit als Vorstandsvorsitzender war von Reformeifer noch wenig zu spüren. Erst der wachsende Druck von Seiten der Aktionäre drängte ihn 1998 zum Handeln. Er legte einen Zehn-Punkte-Plan vor, in dessen Rahmen sich Siemens aus 50 Geschäftsfeldern mit einem Umsatz von 17 Milliarden D-Mark (8,7 Milliarden Euro) zurückzog. Mehr als 30 000 Siemens-Mitarbeiter verloren ihren Job. Damals wurden auch die beiden Firmen Epcos und Infineon ausgegliedert. Im Januar 2005 zog sich Pierer - für viele überraschend - als Siemens-Vorstandschef zurück und wurde Aufsichtsratschef.

Nur wenige Monate später, im September 2005 wurde die Staatsanwaltschaft in einem anonymen Brief von Korruption in der Siemens-Kraftwerkssparte informiert. Während das Unternehmen zunächst noch versuchte, das als Einzelfall darzustellen, weiteten sich die Erkenntnisse der Fahnder immer weiter aus. Aktuell spricht die mit internen Ermittlungen betraute Rechtsanwaltskanzlei Debevoise & Plimpton davon, dass sie in nahezu alle untersuchten Siemens-Geschäftsbereichen und in zahlreichen Ländern Verstöße gegen Anti-Korruptionsvorschriften entdeckt habe.

In diesen Strudel droht nun auch Pierer, der bislang von der Münchner Staatsanwaltschaft nicht als Beschuldigter behandelt wurde, zu geraten. Sein Amt als Aufsichtsratschef hat der heute 67-Jährige bereits im April 2007 abgeben müssen, nachdem ihm kaum noch jemand zugetraut hatte, die zahlreichen Schmiergeldaffären rückhaltlos aufzuklären. Hinzu kam auch noch die Affäre um Zahlungen an die als Gegenorganisation zur unbequemen IG Metall gedachte Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB).

Der Ruf des ehemaligen Vorzeige-Konzerns ist jedenfalls fast irreparabel ramponiert. Besonders die US-Börsenaufsicht und die US-Justiz ermitteln ganz genau. Dem Konzern droht damit eine Milliardenstrafe und sogar der Ausschluss von öffentlichen Aufträgen in den USA ist möglich. Das wäre nicht nur ein Debakel für den Konzern, sondern würde auch einen Gewinnsprung nach vorne verhindern. Dass der damalige Siemens-Vorstandschef von Pierer schon 2003 von schwarzen Kassen im Konzern gewusst haben soll, ist keine Überraschung. Der 67-jährige Pierer war über mehr als ein Jahrzehnt der Patriarch bei Deutschlands Vorzeigekonzern Siemens und trotz allem wird er den Ermittlern jetzt auf dem Silbertablett serviert.

Noch immer weist Pierer aber die Anschuldigungen zurück und beteuert seine Unschuld. Die Entscheidung der Münchner Staatsanwaltschaft, ob gegen Pierer strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet werden, soll erst nächste Woche fallen. Ein hochrangiger Siemens-Manager soll bei seiner Aussage gegenüber Ermittlern vor gut zwei Wochen neben von Pierer die früheren Vorstände Heinz-Joachim Neubürger, Volker Jung und Uriel Sharef teils schwer belastet haben. Damit wird es eng für die Konzernführung und auch für Mr. Siemens Pierer.

Dass Schmiergeldzahlungen mittlerweile kriminelle Machenschaften sind liegt am Gesetz gegen die Bestechung ausländischer Amtsträger, das 1999 in Kraft trat. Damals hätten sich die Siemensianer vom altbewährten Marketing für Großaufträge verabschieden müssen. Doch das taten sie offenbar nicht, obwohl das deutsche Antikorruptions-Gesetz im Text seit September 1998 vorlag. Seitdem war also klar, dass um die Großaufträge nicht mehr mit Schmiergeldern für Entscheidungsträger in Regierungen und Staatsapparaten „geworben“ werden durfte.




Klicken Sie hier, wenn Sie weitere Meldungen vom 04.05.2008 lesen möchten.


Passende Meldungen aus anderen Ressorts:
„Jede Schöpfung ist ein Wagnis“
Finanzkrise: Der Absturz des Euro
Kommentar zu den Märkten: Im Teufelskreis
Air Berlin kämpft mit technischen Defekten
Computer machen Schüler schlau
Spanair-Unglück: Schubumkehr als Unfallursache?
Spanair-Unglück: Deutsche Opfer identifiziert
Spanair-Absturz: Deutsche Passagiere an Bord
Korruptionsaffäre: Siemens rechnet ab
Bewährungsstrafe für Ex-Siemens-Direktor





Binderdatasystems.com  
  Startseite | 7 - Tage - News | Newsarchiv | Livesuche | Index A -Z | Impressum | aktivrechner.de