Angesichts der Erdbeben-Katastrophe in Sichuan wollen die
chinesischen Machthaber nun offenbar alles besser machen.
Regierungschef Wen Jiabao reiste sofort ins Unglücksgebiet, fand
Worte des Mitgefühls für die Opfer, spornte die lokalen Größen zu
großen Kraftanstrengungen an und mahnte die Bonzen, ja keine
Spendengelder zu unterschlagen. Wen Jiabao weiß, was die Chinesen nun
von ihrer Führung erwarten.
Denn die Zeiten, in denen es der Pekinger Clique egal sein
konnte, was das Volk dachte, sie sind auch in China endgültig vorbei.
Zwar beschränkt sich der Ruf nach bürgerlichen (sprich: westlichen)
Freiheiten immer noch auf kleine Gruppen. Doch der Wunsch, in
materiell gesicherten Verhältnissen leben zu können, hat das ganze
Volk erfasst. Die Furcht der Pekinger Parteiführung vor dem eigenen
Volk ist nicht unbegründet: Das riesige Heer der rund 200 Millionen
bitterarmen Wanderarbeiter stellt eine potenzielle Gefahr dar; ebenso
der Unmut der Bürger über drastisch steigende Preise und der Hass auf
die korrupten Beamten vor Ort. In einigen Provinzen - etwa in Tibet -
dringen zudem nationale Minderheiten auf zunehmende Autonomie.
Auf all das wird die Kommunistische Partei eine Antwort finden
müssen. Ohne dem Volk zumindest in bescheidenem Maße Wohlstand und
eine gewisse Art Mitbestimmung zu garantieren, hat die Führung mit
ihrem Modell der kapitalistischen Entwicklungsdiktatur jegliche
Legitimation verloren. Käme es aber in China auf breiter Front zu
Unruhen, würde das riesige Land unbeherrschbar, wäre das Ende der
alten Eliten möglicherweise rasch eingeläutet.
Ohne die Olympischen Spiele wären die Pekinger Despoten wohl
geneigt, vor allem auf die hergebrachte Taktik - unterdrücken,
leugnen, wegsperren - zu setzen. Jetzt, da die Welt zuschaut,
verbietet sich das weitgehend. Vielleicht profitieren ja die Menschen
im Erdbebengebiet von Sichuan von Olympia. Und vielleicht merken die
Herren in Peking endlich, dass man das Volk auch anders behandeln
kann als mit der Knute.
Quelle: WAZ